37.575, Reviews: Sprachliche Zweifelsfälle: Renata Szczepaniak (2025)

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Wed Feb 11 19:05:02 UTC 2026


LINGUIST List: Vol-37-575. Wed Feb 11 2026. ISSN: 1069 - 4875.

Subject: 37.575, Reviews: Sprachliche Zweifelsfälle: Renata Szczepaniak (2025)

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Date: 11-Feb-2026
From: Regina Ruf [ruf_regina at web.de]
Subject: Applied Linguistics, Psycholinguistics, Sociolinguistics, Text/Corpus Linguistics: Renata Szczepaniak (2025)


Book announced at https://linguistlist.org/issues/36-2212

Title: Sprachliche Zweifelsfälle
Subtitle: Definition, Betrachtungsdimensionen und Erforschung
Series Title: narr STUDIENBÜCHER
Publication Year: 2025

Publisher: Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
           http://www.narr.de/
Book URL: https://www.narr.de/sprachliche-zweifelsf%C3%A4lle-18372-1/

Author(s): Renata Szczepaniak

Reviewer: Regina Ruf

SUMMARY
Sprachliche Zweifelsfälle. Definition, Betrachtungsdimensionen und
Erforschung, verfasst von Renata Szczepaniak (Narr Francke Attempto
Verlag GmbH & Co. KG, 240 Seiten) ist das Resultat langjähriger
Auseinandersetzung mit Zweifelsfällen innerhalb der universitären
Lehre. Es ist als Einführung in sprachliche Zweifelsfälle konzipiert
und beleuchtet grammatische, gebrauchslinguistische,
soziolinguistische und psycholinguistische Perspektive näher
beleuchtet werden. Dieses Buch ist als Grundlage für den Einsatz in
der universitären Lehre konzipiert (vgl. Szczepeanik 2025: 15). Dabei
sind jedem Kapitel Leitfragen vorangestellt und die entsprechende
Literatur ist direkt den jeweiligen Kapiteln angeschlossen.
Integrierte Merkboxen und sprachliche Steckbriefe dienen der
Unterstützung. Der Aufbau gliedert sich in drei übergeordnete
Bereiche. Der erste umfasst die Einleitung (Kap. 1) und sprachlichen
Zweifelsfälle in Bezug zu sprachlicher Kompetenz (Kap 2). Der zweite
Teil, der als Teil A aufgeführt wird, befasst sich mit den
verschiedenen Ebenen, auf denen Zweifelsfälle auftreten können: der
grammatischen Dimension (Kap. 3), der soziolinguistischen Dimension
(Kap. 4), der Dimension der Sprachbewusstheit (Kap. 5) und einer
abschließenden Gesamtbetrachtung (Kap. 6). Der dritte Teil, Teil B,
widmet sich der Untersuchung sprachlicher Zweifelsfälle und verbindet
dabei Grammatik und Sprachgebrauch (Kap. 7), Grammatikalität,
Akzeptabilität und Angemessenheit (Kap. 8) und beschließt das Buch mit
der Betrachtung konkreter sprachlicher Zweifelsfälle (Kap. 9), bevor
zusätzlich noch auf die mentale Verarbeitung sprachlicher
Zweifelsfälle eingegangen wird (Kap. 10). Dieses Werk wird durch
entsprechende Literaturangaben und ein Register ergänzt.
Ausgehend von persönlichen Erfahrungen wird an die Thematik der
sprachlichen Zweifelsfälle herangeführt. Diese Erfahrungen betreffen
Situationen, in denen kompetente Sprecher*innen trotz grundsätzlich
vorhandener Sprachbeherrschung Unsicherheit hinsichtlich der Wahl
einer sprachlichen Form empfinden. Solche Unsicherheiten sind kein
Randphänomen, sondern treten regelmäßig im alltäglichen Sprachgebrauch
wie auch in schriftsprachlichen Kontexten auf. Sie bilden den
Ausgangspunkt für eine theoretische Auseinandersetzung mit
sprachlichen Zweifelsfällen, die nicht als individuelle Defizite,
sondern als systematisch erklärbare Erscheinungen innerhalb des
Sprachsystems verstanden werden.
Als theoretische Grundlage dient dabei ein differenziertes Verständnis
von sprachlicher Kompetenz, das zwischen prozeduraler Sprachkompetenz
und reflexiver Sprachkompetenz unterscheidet. Die prozedurale
Sprachkompetenz umfasst die automatisierte, weitgehend unbewusste
Fähigkeit zur Sprachverwendung und bildet die Voraussetzung für
gelingende Kommunikation. Sie ermöglicht es Sprecher*innen, Sprache
flüssig und situationsangemessen zu gebrauchen, ohne einzelne Regeln
explizit zu reflektieren. Die reflexive Sprachkompetenz hingegen
bezeichnet die Fähigkeit, Sprache zum Gegenstand bewusster Betrachtung
zu machen, sprachliche Strukturen zu beurteilen und über alternative
Ausdrucksmöglichkeiten nachzudenken. Insbesondere im Zusammenhang mit
sprachlichen Zweifelsfällen kommt der reflexiven Sprachkompetenz eine
zentrale Rolle zu. Der von Szczepaniak (2025: 21) beschriebene «Grad
der reflexiven Sprachkompetenz» steht in direktem Zusammenhang mit dem
Auftreten, der Wahrnehmung und der Verarbeitung sprachlicher
Zweifelsfälle. Je stärker die reflexive Sprachkompetenz ausgeprägt
ist, desto eher werden potenzielle Varianten wahrgenommen und als
problematisch oder zweifelhaft identifiziert. Sprachliche
Zweifelsfälle sind demnach nicht nur ein Produkt sprachsystemischer
Gegebenheiten, sondern auch das Ergebnis individueller Wahrnehmungs-
und Bewertungsprozesse.
Dabei spielt die individuelle Sprachbiographie eine zentrale Rolle.
Sie entwickelt sich aus den jeweiligen Spracherfahrungen und
beeinflusst maßgeblich, welche sprachlichen Varianten vertraut sind
und welche Unsicherheit hervorrufen. Die Sprachbiographie bestimmt
somit mit, wo sprachliche Zweifelsfälle überhaupt entstehen können. In
engem Zusammenhang damit steht die sprachspezifische Kompetenz, die
den konkreten Umgang mit den Strukturen einer Einzelsprache betrifft.
Sprachspezifische Kompetenzen setzen sich aus mehreren Teilbereichen
zusammen. Dazu zählen zunächst die sprachsystematischen Kompetenzen,
die sich auf die Aussprache, Schreibung, Grammatik, Lexikon, Bedeutung
sowie Text- und Diskursebene beziehen. Hinzu kommt die
Variationskompetenz, die den Umgang mit soziokultureller, dialektaler,
situativer, medialer und sprachhistorischer Variation umfasst. Ergänzt
wird dieses Kompetenzmodell durch die pragmatische Kompetenz, die es
erlaubt, sprachliche Mittel situations- und handlungsangemessen
einzusetzen. Erst das Zusammenspiel dieser Kompetenzbereiche
ermöglicht es Sprecher*innen, zwischen verschiedenen sprachlichen
Varianten zu wählen und diese Wahl zu reflektieren.
Sprachliche Zweifelsfälle werden in diesem Zusammenhang als
„sprachliche Varianten in der sprachlichen Varietätenarchitektur“
(Szczepaniak 2025: 24) verstanden. Sie sind nicht monolithisch,
sondern lassen sich in verschiedenen Variationsdimensionen verorten.
Dazu zählen die diachrone Dimension, in der Zweifelsfälle häufig
Übergangsstadien im Sprachwandel markieren, ebenso wie die
diatopische, diastratische, diaphasische und diamesische Dimension.
Sprachliche Zweifelsfälle entstehen somit an Schnittstellen
unterschiedlicher Varietäten und spiegeln die Dynamik des
Sprachsystems wider.
Dabei wird betont, dass die individuelle Variationskompetenz stets in
Abhängigkeit von der jeweiligen Sprachbiographie steht. Das
angeeignete Sprachrepertoire umfasst die Gesamtheit der einem
Individuum zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel und Varietäten.
Sprachliche Zweifelsfälle ergeben sich dort, wo mehrere Varianten Teil
dieses Repertoires sind, ohne dass eine eindeutige Präferenz etabliert
ist. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, zwischen der
individuellen Einschätzung sprachlicher Korrektheit und dem
tatsächlichen Sprachgebrauch zu unterscheiden.
Stark (2019) folgend werden sprachliche Zweifelsfälle als sprachliche
Strukturen beschrieben, die sich durch einen Zustand der
Unbestimmtheit auszeichnen. In solchen Situationen werden bei der
Realisierung einer beabsichtigten sprachlichen Handlung zwei oder mehr
sprachliche Strukturen aktiviert, die semantisch weitgehend
gleichwertig sind. Die Auswahl einer Variante erfordert somit eine
Entscheidung, bei der sowohl sprachsystemische Kompetenz als auch
Variationskompetenz zum Tragen kommen. Zweifelsfälle sind folglich
Ausdruck konkurrierender Optionen innerhalb des Sprachsystems.
Von zentraler Bedeutung ist dabei die Abgrenzung sprachlicher
Zweifelsfälle von grammatisch fehlerhaften Strukturen. Während
grammatische Fehler auf Verletzungen grundlegender Strukturprinzipien
einer Sprache zurückzuführen sind, bewegen sich sprachliche
Zweifelsfälle innerhalb des grammatisch Möglichen. Die Fähigkeit zur
Beurteilung grammatischer Korrektheit ist der sprachlichen Kompetenz
zuzurechnen, während die Bewertung von Zweifelsfällen zusätzliche
reflexive Leistungen erfordert. Sprachliche Regeln stellen
Konventionen dar, die auf dem mentalen Lexikon und den darin
gespeicherten Strukturen aufbauen.
Da das Sprachsystem jedoch ein hochkomplexes und dynamisches Gefüge
ist, kann es zu Regelkonflikten kommen, die das Resultat
konkurrierender grammatischer Prinzipien sind. Ein klassisches
Beispiel stellen die Hilfsverben sein und haben dar, bei deren Wahl es
zu Zweifelsfällen kommen kann. Beide Optionen sind systemisch
verankert, ihre Verteilung ist jedoch nicht vollständig regelhaft und
wird von semantischen, aspektuellen, diasystematischen und
frequenzbasierten Faktoren beeinflusst.
Selbst wenn eine sprachliche Struktur entsprechend den grammatischen
Regeln gebildet ist, kann es dennoch vorkommen, dass sie von der
Sprechergemeinschaft als weniger akzeptabel wahrgenommen wird. Damit
rückt die Unterscheidung zwischen Grammatikalität und Akzeptabilität
in den Fokus. Akzeptabilität bezieht sich auf die tatsächliche Annahme
einer Struktur durch Sprecher*innen und ist von kognitiven, sozialen
und normativen Faktoren abhängig. Dąbrowska(2010: 4) weist darauf hin,
dass die Akzeptabilität einer sprachlichen Struktur mit zunehmender
komplexer Verarbeitbarkeit abnimmt.
Die Beurteilung der Randbereiche von Grammatikalität und
Akzeptabilität ist dabei von mehreren Faktoren geprägt, darunter
Varietätenbezug, Individualität, Gliederbarkeit, Wandelbarkeit sowie
eine hohe Streuung im Sprachgebrauch. Daraus ergibt sich, dass
grammatikalische Strukturen inakzeptabel sein können, während
umgekehrt akzeptierte Strukturen nicht immer vollständig
grammatikalisch sind. Normvorstellungen spielen hierbei eine zentrale
Rolle und beeinflussen maßgeblich die Wahrnehmung sprachlicher
Varianten.
Sprachliche Varianten weisen in der Regel keine semantischen
Unterschiede auf, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer
Gebrauchshäufigkeit. Diese wird sowohl durch innersprachliche als auch
durch außersprachliche Faktoren beeinflusst. Zu den innersprachlichen
Faktoren zählen Aspekte des grammatischen Systems wie Flexionsmuster,
syntaktische Einbindung oder phonologische Struktur. Außersprachliche
Faktoren umfassen räumliche, soziale, situative, mediale und zeitliche
Bedingungen des Sprachgebrauchs.
An dieser Stelle setzt die frequenzbasierte Perspektive an, die einen
zentralen Erklärungsansatz für sprachliche Zweifelsfälle liefert.
Diese sind dadurch gekennzeichnet, dass mehrere konkurrierende
Varianten einer sprachlichen Einheit nebeneinander existieren.
Grammatische Zweifelsfälle treten bevorzugt in Bereichen niedriger
Gebrauchsfrequenz auf, sowohl auf lexikalischer als auch auf
kategorialer Ebene. Maßgeblich ist hierbei die Tokenfrequenz, also die
tatsächliche Anzahl der Vorkommen einer sprachlichen Einheit im
Sprachgebrauch. Geringe Frequenz geht mit schwächerer kognitiver
Verfestigung und höherer Variabilität einher.
Die lexikalische Gebrauchshäufigkeit bezeichnet die Gesamtzahl aller
belegten Wortformen eines Lexems. Lexeme mit hoher Gebrauchshäufigkeit
sind kognitiv stark verankert, werden schneller abgerufen und weisen
eine hohe Normsicherheit auf. Selten gebrauchte Lexeme hingegen sind
weniger gefestigt und damit anfälliger für Variation und Unsicherheit.
Die lexikalische Gebrauchshäufigkeit kann sowohl absolut – als
Beleganzahl in einem Korpus – als auch relativ bestimmt werden, etwa
in Relation zur Gesamtzahl aller Lexeme oder zum häufigsten Lemma
einer Sprache.
Digitale Korpora bilden hierfür eine zentrale empirische Grundlage. In
ihnen werden relative Häufigkeiten meist über Häufigkeitsklassen oder
normierte Skalenwerte ausgewiesen. Diese Skalenwerte entstehen durch
die Relationierung der Belegzahlen und ermöglichen es, lexikalische
Einheiten vergleichbar zu machen. Sie sind keine theoretischen
Konstrukte, sondern empirisch abgeleitete Größen, die Rückschlüsse auf
die kognitive und funktionale Stabilität sprachlicher Einheiten
zulassen.
Neben der lexikalischen Gebrauchshäufigkeit ist auch die kategoriale
Gebrauchshäufigkeit von Bedeutung. Sie bezieht sich auf die
Häufigkeit, mit der bestimmte grammatische Kategorien oder
Merkmalskombinationen realisiert werden. Kategorien, die im
Sprachgebrauch selten auftreten, weisen häufig eine geringere
Normsicherheit auf und sind bevorzugte Orte für sprachliche
Zweifelsfälle. Beispiele hierfür sind seltene Kasusformen, marginale
Flexionsklassen oder wenig produktive syntaktische Konstruktionen.
Die frequenzbasierte Perspektive erklärt damit, warum sprachliche
Zweifelsfälle nicht zufällig verteilt sind, sondern systematisch an
den Rändern des Sprachsystems auftreten. Kognitiv lässt sich dies
durch Konzepte wie Verankerung und Schematisierung erklären: Häufig
gebrauchte Strukturen werden als eigenständige Einheiten gespeichert,
während seltene Strukturen stärker über allgemeine Schemata
konstruiert werden. Dies führt zu erhöhter Variabilität und
Unsicherheit.
Zur Feststellung und Beschreibung sprachlicher Zweifelsfälle ist es
notwendig zwischen Grammatikalität, Akzeptabilität und Angemessenheit
zu unterscheiden. Angemessenheit stellt dabei die Voraussetzung für
kommunikativen Erfolg dar, da sie den situations- und
adressatenbezogenen Einsatz sprachlicher Mittel betrifft. Darüber
hinaus ist bei sprachlichen Fehlern zwischen Systemfehlern und
Normfehlern zu differenzieren. Systemfehler führen zu
Ungrammatikalität, während Normfehler bestehende Sprachnormen
verletzen, ohne das Sprachsystem an sich zu untergraben. Im Gegensatz
zu Systemfehlern können Normfehler zu sprachlichen Zweifelsfällen
führen.
Abschließend wird auch die didaktische Perspektive berücksichtigt.
Sprachliche Zweifelsfälle spielen insbesondere im schulischen Kontext
eine wichtige Rolle, etwa bei der Fehlerkorrektur und der Vermittlung
von Sprachnormen. Eine reflektierte Auseinandersetzung mit
Zweifelsfällen kann dazu beitragen, Sprachbewusstsein zu fördern und
den dynamischen Charakter von Sprache zu vermitteln, anstatt Variation
ausschließlich als Defizit zu bewerten.
Innerhalb des behandelten Werkes werden exemplarisch der Genitiv und
Dativ als Präpositionalkasus, starke und schwache Verben, die Flexion
schwacher Maskulina (vgl. u.a. Klein 2018) sowie der am-Progressiv
analysiert. Diese Beispiele verdeutlichen, dass sprachliche
Zweifelsfälle auf unterschiedlichen Ebenen des Sprachsystems auftreten
können. Einer theoretischen Beschreibung folgen jeweils detaillierte
Analysen konkreter Erscheinungsformen, wodurch der Zusammenhang
zwischen Sprachgebrauch, Frequenz und grammatischer Struktur
anschaulich gemacht wird.
Insgesamt zeigt sich, dass sprachliche Zweifelsfälle ein zentrales
Phänomen an der Schnittstelle von Sprachsystem, Sprachgebrauch und
Sprachbewusstsein darstellen. Sie lassen sich weder allein durch
normative Regeln noch durch individuelle Unsicherheit erklären,
sondern erfordern eine integrierte Betrachtung, die
gebrauchsbasierten, kognitiven und variationslinguistischen Ansätzen
Rechnung trägt.
EVALUATION
Insgesamt gelingt es der Autorin, ihr Ziel zu erreichen, einen
fundierten und differenzierten Überblick über das Phänomen
sprachlicher Zweifelsfälle zu geben und aus verschiedenen
theoretischen und empirischen Perspektiven zu beleuchten. Das Werk
zeichnet sich durch eine klare Struktur und eine nachvollziehbare
Argumentationsführung aus, die es erlaubt, sowohl allgemeine
Grundlagen als auch spezifische Ausprägungen sprachlicher
Zweifelsfälle systematisch zu erfassen. Besonders positiv
hervorzuheben ist, dass die theoretischen Ausführungen konsequent mit
konkreten Beispielen aus unterschiedlichen Bereichen des Sprachsystems
verknüpft werden, wodurch abstrakte Konzepte anschaulich und gut
nachvollziehbar werden und auch Ergebnisse aus studentischen Arbeiten
berücksichtigt werden.
Die zu Beginn der einzelnen Kapitel formulierten Leitfragen stellen
eine besondere Stärke des Buches dar. Sie strukturieren den
Leseprozess und ermöglichen es insbesondere Studierenden, den
Themenkomplex der sprachlichen Zweifelsfälle gezielt und
problemorientiert zu erschließen. In diesem Zusammenhang erweisen sich
auch die am Ende der Kapitel angeführten Literaturhinweise als äußerst
hilfreich, da sie eine vertiefende Auseinandersetzung mit einzelnen
Aspekten erlauben und das Werk sinnvoll in den bestehenden
Forschungsdiskurs einbetten.
Die Auswahl der behandelten Beispiele ist insgesamt überzeugend. Durch
die Berücksichtigung unterschiedlicher Ebenen des Sprachsystems – etwa
Morphologie, Syntax und Sprachgebrauch – wird deutlich, dass
sprachliche Zweifelsfälle kein isoliertes Phänomen darstellen, sondern
an verschiedenen Stellen des grammatischen und pragmatischen Systems
auftreten können. Zwar ließen sich auch andere Beispiele oder
Problemfelder anführen, doch mindert dies nicht den Erkenntniswert der
gewählten Auswahl, die exemplarisch und theoretisch gut begründet ist.
Kritisch anzumerken ist jedoch, dass das Werk trotz seiner expliziten
Eignung für den Einsatz in der universitären Lehre keine systematische
Einführung in die eigenständige empirische Untersuchung sprachlicher
Zweifelsfälle bietet. Denkbar wäre die ergänzende Berücksichtigung
methodischer Hinweise zur Datenerhebung, zur Korpusarbeit oder zur
Auswertung von Zweifelsfällen, insbesondere mit Blick auf Studierende,
die im Rahmen von Seminaren eigene Analysen durchführen. In dieser
Hinsicht positioniert sich das Buch eher beschreibend als anleitend.
Nichtsdestoweniger stellt das Werk einen wertvollen Beitrag zur
linguistischen Auseinandersetzung mit sprachlichen Zweifelsfällen dar.
Es eignet sich besonders für Studierende und Forschende der
Germanistik und Linguistik, die sich einen fundierten Überblick über
theoretische Konzepte, Klassifikationsmöglichkeiten und exemplarische
Problemfelder verschaffen möchten. Darüber hinaus bietet es auch für
Lehrende eine solide Grundlage, um sprachliche Zweifelsfälle im
Unterricht zu thematisieren und kritisch zu reflektieren.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Autorin mit diesem
Buch eine klar strukturierte, theoretisch fundierte und gut lesbare
Darstellung sprachlicher Zweifelsfälle vorlegt. Trotz kleiner
Einschränkungen im Hinblick auf die methodische Anleitung zur eigenen
Forschung leistet das Werk einen wichtigen Beitrag zur
Sensibilisierung für die Dynamik, Variabilität und
Gebrauchsbasiertheit sprachlicher Normen und stellt damit eine
empfehlenswerte Lektüre für ein linguistisch interessiertes
Fachpublikum dar.
REFERENCES
Dąbrowska, Ewa (2010): Naive vs. expert intuitions: An empirical study
of acceptability judgments. In: 27(1), S. 1–23. (= The Linguistic
Review).
Klein, Wolf Peter (2018): Sprachliche Zweifelsfälle im Deutschen:
Theorie, Praxis, Geschichte. Berlin: De Gruyter.
https://doi.org/10.1515/9783110495317.
Stark, Sebastian (2019): Varianz, Äquivalenz und Superposition. Was es
bedeuten kann, wenn man von Zweifelsfällen spricht. In: Schmitt,
Eleonore/Szczepaniak, Renata/Vieregge, Annika (Hrg.): Sprachliche
Zweifelsfälle: Definition, Erforschung, Implementierung. Hildesheim
u.a.: Georg Olms Verlag. S. 19–43.
Szczepaniak, Renata (2025): Sprachliche Zweifelsfälle: Definition,
Betrachtungsdimensionen und Erforschung. Tübingen: Gunter Narr Verlag.
https://doi.org/10.24053/9783823393726.
ABOUT THE REVIEWER
Regina Ruf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen
Institut der Universität Münster. Sie promovierte im Bereich der
germanistischen Sprachwissenschaft mit einem Schwerpunkt auf
Morphologie und Syntax des Deutschen, insbesondere auf komplexen
Präpositionen und deren diachroner Entwicklung. Zuvor studierte sie an
den Universitäten in Jena und Innsbruck. Ihre Forschungsinteressen
liegen im Schnittfeld von Grammatik, Sprachwandel und
konstruktionsgrammatischen Ansätzen. In der Lehre ist sie in der
sprachwissenschaftlichen Ausbildung von Studierenden tätig und
verbindet theoretische Linguistik mit empirischen Fragestellungen.



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LINGUIST List: Vol-37-575
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