37.1962, Reviews: Die Dativalternation in der Geschichte des Neuhochdeutschen: Evi Van Damme (2025)
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Tue Jun 2 18:05:02 UTC 2026
LINGUIST List: Vol-37-1962. Tue Jun 02 2026. ISSN: 1069 - 4875.
Subject: 37.1962, Reviews: Die Dativalternation in der Geschichte des Neuhochdeutschen: Evi Van Damme (2025)
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Date: 02-Jun-2026
From: Bev Thurber [bat23 at cornell.edu]
Subject: Applied Linguistics, General Linguistics, Semantics: Evi Van Damme (2025)
Book announced at https://linguistlist.org/issues/36-3780
Title: Die Dativalternation in der Geschichte des Neuhochdeutschen
Subtitle: Eine historische und korpusbasierte Untersuchung
Series Title: Korpuslinguistik und Interdisziplinäre Perspektiven auf
Sprache - Corpus Linguistics and Interdisciplinary Perspectives on
Language (CLIP)
Publication Year: 2025
Publisher: Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
http://www.narr.de/
Book URL:
https://www.narr.de/die-dativalternation-in-der-geschichte-des-neuhochdeutschen-1066-1/
Author(s): Evi Van Damme
Reviewer: Bev Thurber
SUMMARY
Die Dativalternation betrifft nur dreiwertige Transferverben wie
‚geben‘, ‚leihen‘, ‚schicken‘, ‚senden‘ und ‚verkaufen‘, die den
Transfer eines Themas (Akkusativ) von einem Agens (Nominativ) zu einem
Rezipienten kodieren. Der Rezipient kann durch eine
Dativobjektkonstruktion oder eine Präpositionalobjektkonstruktion
ausgedrückt werden. Diese Konstruktionen unterscheiden sich von vier
verwandten Konstruktionen: die Doppelobjektkonstruktion des Englischen
oder Niederländischen, eine Konstruktion mit den be-Verben (z. B.
„...weil er <seine Einheit in Eichstätt> [mit Schnaps] belieferte...“
(18)), die Benefaktivkonstruktion (Dativus (in)commodi), und die
präpositionale Dativmarkierung (wie im Bairischen und Alemannischen).
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist mittels einer quantitativen und
teils qualitativen Korpusanalyse von Texten aus den Jahren 1650 bis
2000 die Entwicklung der Dativalternation zu bestimmen. In den sechs
Kapiteln des Buches werden die Analyse und ihre Ergebnisse erklärt.
Kapitel 1, „Forschungsfragen, vorherige Forschung und der
probabilistische Ansatz“, formuliert die fünf zentralen
Forschungsfragen, die die diachronische Entwicklung der
Dativalternation von 1650 bis zur Gegenwart erläutern. Die Fragen
beziehen sich auf historische Quellen, relevante Faktoren und die
Varianz zwischen den 28 Verben, die erforscht werden. Die historischen
Quellen sind wichtig, weil sie nicht nur die richtige Grammatik (in
Bezug auf das, was die richtige Grammatik sein soll) verdeutlichen,
sondern auch die Grammatiktheorien der Autoren beschreiben.
Die vorherige Forschung betrifft drei Sprachen: Englisch,
Niederländisch und Gegenwartsdeutsch. Die Dativalternation im
Englischen wird in verschiedenen historischen Sprachstufen untersucht:
Alt-, Mittel- und Neuenglisch. Es gibt auch historische Untersuchungen
des Niederländischen, besonders im sechzehnten und im siebzehnten
Jahrhundert. Die häufigste Konstruktion ist die ‚to-‘ oder ‚aan-‘
Konstruktion, deren Äquivalent im Deutschen ‚zu-‘ ist (z.B., „Gott
sagte zu Moses“ (63)). Diese Dativalternation wurde erst im
Altenglischen benutzt und im Niederländischen entsteht sie im
dreizehnten Jahrhundert. Während dieser Zeit ist die Reihenfolge der
direkten und indirekten Objekte auch fester geworden.
Kapitel 2, „Historische Grammatiken, Lehrbücher und Wörterbücher“,
fasst die Verwendung von Kasus gegenüber Präpositionalphrasen laut
alten Grammatik- und Wörterbüchern zusammen. Google Books wurde
durchsucht, um diese Bücher zu finden. Die Grammatiken aus dem
siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert geben nur an, welchen Kasus
eine Präposition braucht, was hier nicht relevant ist. Deswegen
begrenzt Van Damme sich meist auf Quellen aus dem neunzehnten
Jahrhundert. Aber andererseits wurden Wörterbücher aus der Zeit bis
ins Jahr 1691 (das von Stieler) benutzt.
Die ausgewählten Grammatikbücher behandeln die Entwicklung des
Deutschen von einer synthetischen zu einer analytischen Sprache und
vergleichen den Gebrauch von Präpositionalphrasen mit dem des Dativs
in Bezug auf Bedeutung und Stil. Unter anderem erwähnt Götzinger
(1830), dass Präpositionalphrasen flexibler sind, um Ideen präziser
auszudrücken. Ob es einen Unterschied zwischen Prosa- und
Dichtersprache gibt, wird auch besprochen.
Die älteren Grammatikbücher liefern mehr Informationen über den
Gebrauch eines präpositionalen Ausdrucks mit Transferverben wie
‚geben‘. Van Damme folgt der Entwicklung von diesem sogenannten
„Misbrauch“ [sic] identifiziert durch Gottsched (1748) bis zum Jahr
1830, als Krebs die Ähnlichkeit mit dem Lateinischen bemerkte: ‚an
einem / einem schreiben‘ auf Deutsch gegen ‚alicui / ad aliquem
scribere‘ auf Lateinisch (109).
Der zweite Teil des Kapitels fasst die Belege aus historischen
Wörterbüchern zusammen. Insgesamt 18 Wörterbücher (inkl. neun
Valenzwörterbücher) wurden ausgewählt, von Stieler (1691) bis zum
Duden (2015). Hier beginnt die Analyse pro Verb: eine Reihe von
Transferverben wurden nachgeschlagen und ihr Gebrauch wurde anhand der
verschieden Wörterbücher festgestellt. Die ausgewählten Verben sind
‚geben‘ (allein und mit ‚preis-‘, ‚über-‘, ‚ver-‘, ‚weiter-‘ und
‚zurück‘-), ‚leihen‘ (allein und mit ‚aus-‘, ‚ver‘- und ‚weiter‘-),
‚schicken‘ (allein und mit ‚ein-‘, ‚ver-‘, ‚voraus-‘, ‚weiter-‘,
‚zurück-‘ und ‚zu-‘), ‚senden‘ (allein und mit ‚ab-‘, ‚aus-‘, ‚ein-‘,
‚nach-‘, ‚über-‘, ‚ver-‘, ‚weiter-‘, ‚zurück-‘ und ‚zu-‘) und
‚verkaufen‘. Diese Ergebnisse werden später mit denen der
quantitativen Analyse des Buches verglichen.
Kapitel 3, „Methodologie der diachronen Korpusuntersuchung“, erläutert
die Daten und Methoden, die für diese Untersuchung benutzt werden. Es
fängt mit einer Zusammenfassung der historischen Online-Korpora an.
Drei davon werden verwendet: elf Teilkorpora aus dem HIST-Archiv (Teil
des Deutschen Referenzkorpus, 1650–1979), das Deutsche Textarchive
(1650–1899) und das DWDS-Kernkorpus (1900–1999). Die Korpora werden
nach allen möglichen Formen der Verben auf der Liste durchsucht und
die relevanten Sätze werden gesammelt. Insgesamt waren dies 140.073
Sätze (145). Daraus sind acht Verben und 7.688 Sätze für die folgende
Analyse ausgewählt worden.
Die Untersuchung enthält sowohl quantitative als auch qualitative
Teile. Der quantitative Teil basiert auf siebzehn Faktoren, die
ausgewählt werden aufgrund der Möglichkeit, dass sie Erklärungen für
die Dativalternation bieten. Diese Faktoren sind:
- Das Erscheinungsjahr
- Aus welchem Korpus der Satz stammt
- Welches Verb benutzt wird
- Ob die Objektkonstruktion eine Dativ- oder Präpositionalkonstruktion
ist
- Die Folge der Konstituenten
- Die Längendifferenz zwischen Rezipient und Thema
- Ob das Thema, der Rezipient und das Agens belebt sind
- Ob der Satz aktiv oder passiv ist (die Diathese)
- Ob das Thema, der Rezipient und das Agens definit oder indefinit,
nominal oder pronominal sowie konkret oder abstrakt sind
- Ob der Rezipient Singular oder Plural, erste, zweite oder dritte
Person und ein Eigenname oder ein Gattungsname ist
- Was das grammatische Genus des Rezipienten ist
- Die Textsorte im breiten oder engeren Sinne
Die Datenanalyse erfolgt mit drei Schritten:
1. Die Gesamtzahl der Belege für beide Konstruktionstypen sowie die
jeweiligen Stichproben werden bivariat quantifiziert.
2. Der Variability-based Neighbour Clustering-method wird verwendet,
um diachrone Cluster zu finden.
3. Ein logistisches Regressionsmodell wird eingesetzt, um die Wirkung
der Faktoren zu ermitteln.
Kapitel 4, „Ergebnisse der Korpusuntersuchung“, befasst sich mit den
Ergebnissen. Es gibt drei Abschnitte: der erste über die häufigsten
Verben (‚verkaufen‘, ‚senden‘ und ‚schicken‘); der zweite über die
nicht so häufigen Verben (‚übergehen‘, ‚zurückgeben‘, ‚verleihen‘,
‚übersenden‘ und ‚einsenden‘); und der dritte über die selteneren
Verben (‚geben‘, ‚leihen‘ und die komplexe Formen von ihnen sowie von
‚schicken‘ und ‚senden‘). Jedes Verb wird individuell analysiert. Der
erste und zweite Abschnitt sind quantitativ. Die historische
Entwicklung ist durch ein Dendrogramm visualisiert und die Befunde
einer logistischen Regressionsanalyse werden präsentiert. Der dritte
Abschnitt ist qualitativ wegen der geringen Anzahl an Sätzen mit den
ausgewählten Verben.
Kapitel 5, „Diskussion“, setzt die Ergebnisse in Bezug zur bestehenden
Literatur. In der Literatur werden verschiedene Erklärungen für die
Dativalternation gegeben. Diese Resultate spiegeln sich in der
Korpusanalyse nicht oder nur teilweise wider. Von den 17 analysierten
Faktoren erweist sich keiner als signifikant für alle Verben; ebenso
ist kein Faktor für alle Verben gleichermaßen insignifikant. Deshalb
ist eine Analyse pro Verb unumgänglich, damit die Unterschiede nicht
verloren gehen.
Kapitel 6, „Schlussfolgerungen und Ausblick“, wiederholt die fünf
Forschungsfragen mit kurzen Antworten und gibt drei Vorschläge für
zukünftige Forschung.
Frage 1, ob es im Laufe der Zeit eine klare Entwicklung gibt, hat
keine übergreifende Antwort. Für manche Verben gibt es diese, aber das
ist „keineswegs eine generelle Tendenz“ von synthetisch zu analytisch
(316). Bestimmte Verben (‚geben‘, ‚leihen‘, ‚preisgeben‘,
‚nachsenden‘, ‚zuschicken‘ und ‚zusenden‘) benutzen fast immer ein
Dativobjekt, aber andere Verben (‚absenden‘, ‚verschicken‘ und
‚versenden‘) haben fast immer ein Präpositionalobjekt. Diese Tendenz
gilt also tatsächlich nicht generell; nur bei ‚weitersenden’ bleibt es
immer bei einer Möglichkeit (Präpositionalobjekt).
Frage 2 handelt davon, wie die alten Grammatikbücher und die
Korpusanalyse zu vergleichen sind. Die alten Bücher „enthalten sehr
unterschiedliche Meinungen darüber, was bezüglich der Dativalternation
grammatikalisch korrekt ist“ (318).
Frage 3, welche linguistischen Faktoren mit der Dativalternation
statistisch korrelieren, hat unterschiedliche Antworten in Bezug auf
verschiedene Verben. Vor allem wurden ‚verkaufen‘, ‚senden‘,
‚schicken‘, ‚übergehen‘, ‚zurückgehen‘, ‚verleihen‘, ‚übersenden‘ und
‚einsenden‘ aufgrund der Größe des Datensatzes detailliert analysiert.
Frage 4, zur Abfolge vom Thema und Rezipient, zeigt fast keine
diachrone Veränderung. Obwohl diese flexibel ist, folgt das Thema
meistens dem Rezipienten. Wie oft sich diese Abfolge umdreht, hängt
vom jeweiligen Verb ab.
Frage 5, zu den Unterschieden zwischen den überprüften Verben, hat
eine klare Antwort. Die Unterschiede zwischen den Verben sind sehr
bemerkenswert.
Die empfohlenen zukünftigen Untersuchungsmethoden sind:
1. Weiter zeitlich zurückzugehen, bis in das fünfzehnte und sechzehnte
Jahrhundert.
2. Mehr Variablen oder Faktoren zu erforschen.
3. Mögliche regionale Aspekte zu untersuchen.
Das Buch endet mit dem Literaturverzeichnis, einer Liste der
Abkürzungen und einem Anhang, in dem die Resultate der logistischen
Regressionsanalyse jedes Verbs stehen.
EVALUATION
Sprachwissenschaftler suchen schon lange nach einem semantischen oder
syntaktischen Unterschied zwischen den zwei Möglichkeiten (Dativ- und
Präpositionalobjekt). Dieses Buch zeigt deutlich, dass es keine
einheitliche und allgemeine Erklärung gibt. Jedes Verb hat seine
Besonderheiten; keine gemeinsame Theorie für alle Verben scheint es
nicht zu geben. Deshalb behandelt Van Damme jedes Verb einzeln und
wiederholt die Analyse mehrmals. Diese Behandlung kann überbordend
wirken, ist aber durch die Ergebnisse der Analyse sehr gut begründet.
Die Methode des Datensatzaufbaus und der Analyse sowie die Ergebnisse
pro Verb sind klar dargelegt. Der Gebrauch von alten Grammatiken und
Wörterbüchern bietet einen aufschlussreichen Vergleich. Obwohl die
Grammatiker die Dativalternation zu erklären versuchen, wird keine
ihrer übergreifenden Erklärungen durch die Ergebnisse dieser Analyse
gestützt.
Dieses Buch ist ein Gewinn für die diachrone Linguistik. Die
Ergebnisse der korpusbasierten Analyse werden den Ansichten der
historischen Grammatiker gegenübergestellt. Van Damme liefert eine
wertvolle und methodisch saubere Analyse der Dativalternation und
zeigt, dass der Gebrauch von Präpositionalobjekten kein Phänomen der
Gegenwartssprache ist, sondern tiefe Wurzeln im Neuhochdeutschen hat.
Es wäre interessant, die ältere Geschichte dieses Phänomens zu
untersuchen, wie Van Damme es empfohlen hat.
REFERENCES
Duden. 2015. Der Duden in zwölf Bänden. Bd. 10: Deutsches
Universalwörterbuch: Das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen
Gegenwartssprache. 8., überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin:
Dudenverlag.
Gottsched, Johann C. 1748. Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst,
nach den Mustern der besten Schriftsteller des vorigen und jetzigen
Jahrhunderts. Leipzig: Breitkopf.
Krebs, Johann P. 1830. Anleitung zum Lateinisch schreiben in Regeln
und Beispielen zur Uebung: zum Gebrauche der Jugend. Sechste
verbesserte und vermehrte Ausgabe. Frankfurt a.M.: Brönner.
Kunze, Jürgen. 1991. Kasusrelationen und semantische Emphase. Studia
Grammatica 32. Berlin: Akademieverlag.
Götzinger, Maximilian W. 1830. Deutsche Sprachlehre für Schulen.
Zweite mit Erläuterungen und Auflösungen der schwierigsten Aufgaben
vermehrte Ausgabe. Aarau: Sauerländer.
Stieler, Kaspar. 1691. Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs,
oder, Teutscher Sprachschatz. Bände. I–II. Nürnburg: Hofmann.
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Bev Thurber ist eine unabhängige Wissenschaftlerin, die sich für
historische Sprachwissenschaft und die Geschichte des Eislaufs
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