37.3162, Calls: Deutsche Sprache - "Themenheft: Sprachliche Distanzierung im Deutschen" (Jrnl)
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Fri Oct 2 16:05:02 UTC 2026
LINGUIST List: Vol-37-3162. Fri Oct 02 2026. ISSN: 1069 - 4875.
Subject: 37.3162, Calls: Deutsche Sprache - "Themenheft: Sprachliche Distanzierung im Deutschen" (Jrnl)
Moderator: Steven Moran (linguist at linguistlist.org)
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Date: 01-Oct-2026
From: Barbara Schlücker [barbara.schluecker at fu-berlin.de]
Subject: Deutsche Sprache - "Themenheft: Sprachliche Distanzierung im Deutschen" (Jrnl)
Journal: Deutsche Sprache
Issue: Sprachliche Distanzierung im Deutschen
Call Deadline: 08-Nov-2026
Gastherausgeberinnen: Barbara Schlücker und Aleksandra Uttenweiler,
Freie Universität Berlin
Das Themenheft untersucht für das Deutsche, wie Distanzierung durch
sprachliche Mittel realisiert wird. Beleuchtet werden sollen
sprachliche Formen der Distanzierung gegenüber Konzepten,
Propositionen, Sprecherhaltungen und Referent*innen.
Der Begriff Distanzierung wird in unterschiedlichen Bereichen der
Sprachwissenschaft verwendet. Grundlegend ist Distanz als ein Abstand
zwischen zwei räumlichen Punkten und Distanzierung als die Erschaffung
oder Vergrößerung dieses Abstands zu verstehen. Als räumliche oder
zeitliche Entfernung hängt Distanzierung mit Deixis zusammen und
findet Gebrauch u. a. in der kognitiven Linguistik. Ausgehend von der
wörtlichen Bedeutung wird Distanzierung aber auch auf soziale Distanz
und die damit einhergehende Anpassung der sprachlichen Register
bezogen (Koch & Oesterreicher, 1985). Ferner kann Distanzierung
metaphorisch als die Erschaffung eines emotionalen oder konzeptuellen
Abstands verstanden werden. Die Frage, wovon sich distanziert wird,
eröffnet wiederum weitere potenzielle Aspekte, unter denen
Distanzierung behandelt werden kann:
Distanzierung von Konzepten:
Eine erste Kategorie der sprachlichen Distanzierung findet sich bei
der Modifikation von lexikalischen Ausdrücken durch morphologische
oder syntaktische Mittel, um die Abschwächung eines Konzepts und damit
letztendlich also das Nicht-Vorliegen auszudrücken. So bezeichnen
Ausdrücke wie 'Fast-Kanzler', 'quasi-wissenschaftlich' oder
'ehe-ähnlich' zwar eine Annäherung oder Ähnlichkeit mit den Konzepten
‚Kanzler‘, ‚wissenschaftlich‘ und ‚Ehe‘. Entscheidend ist jedoch, dass
das jeweilige Konzept – so groß die Ähnlichkeit auch sein mag –
letztendlich nicht zutrifft (Hüning & Schlücker, 2023: 106), sodass
eine Distanzierung gegenüber der Referenz des Ausdrucks vorgenommen
wird. In der Morphologie sind solche Bildungen in jüngerer Zeit u.a.
unter dem Begriff der Approximation oder Attenuation diskutiert worden
(z.B. Masini et al., 2023). Besonders deutlich wird die distanzierende
Bedeutung bei der Disproximation als spezieller Unterart der
Approximation, wie beispielsweise bei 'pseudo-' (z.B.
'pseudo-wissenschaftlich'). Im Gegensatz zur Approximation wird hier
nicht die Annäherung an einen Standardwert, sondern die Abschwächung
oder Abweichung von diesem ausgedrückt, mithin also eine Distanzierung
(Cappelle et al., 2023; Vassiliadou et al., 2023).
In den Bereichen Syntax und Diskursstruktur sind
Abschwächungsverfahren sprachlicher Konzepte, sowohl semantisch als
auch pragmatisch ausgerichtet, schon lange Gegenstand umfangreicher
Untersuchungen, angefangen bei den wegweisenden Arbeiten zu
sprachlichen Hecken wie beispielsweise durch Ausdrücke wie 'kind of',
'roughly', 'somewhat' in Lakoff (1973). Neuere Arbeiten zum Deutschen
haben sich u.a. mit der Distanzierung durch 'sogenannt' wie in 'das
sogenannte „Hotel“' (Härtl, 2018: 142) oder der Konstruktion 'X ist
gut' wie in 'Ich kenne da so einen Jungen ... Kennen ist gut, wir
waren halt mal zusammen weg' (Finkbeiner, 2015: 151) beschäftigt.
Ein besonderes Mittel der Distanzierung auf graphematischer Ebene
bilden Anführungszeichen, als deren zentrale Bedeutung die Markierung
von Abweichung und Distanz betrachtet werden kann. So erfolgt bei der
prototypischen Verwendung bei Zitaten durch die Anführungszeichen eine
Distanzierung von der Autorschaft. Daneben kann durch die Setzung von
Anführungszeichen aber auch die Distanzierung gegenüber den Inhalten
oder der Registerpassung im jeweiligen Kontext signalisiert werden
(Klockow, 1980; Meibauer, 2007).
Distanzierung von (eigenen) Propositionen:
Eine weitere Kategorie der Distanzierung bezieht sich auf die
Gültigkeit von Propositionen und hängt mit dem Konzept des
Sprechercommitments (Brabanter & Dendale, 2008) zusammen. Dabei
markieren Sprecher*innen, dass sie nicht die volle Verantwortung für
eine getätigte Äußerung tragen und drücken Zweifel an der Gültigkeit
oder Wahrhaftigkeit des von ihnen Gesagten aus. Diese Art der
Distanzierung kann sowohl während des Sprechens unmittelbar als Teil
der angezweifelten Äußerung erfolgen als auch als Zusatz zu einer
bereits ausgesprochenen Proposition. Den ersten Fall betrifft
beispielsweise der Gebrauch von indirekter Rede mit Konjunktivformen
zur Distanzierung von zitierten Inhalten einerseits und eigenen
Äußerungen andererseits, wodurch Zweifel und mangelnde Identifikation
mit dem Gesagten ausgedrückt werden (Günthner, 1997: 256–257). Eine
Distanzinterpretation kann ebenfalls durch den Einsatz von
Modalpartikeln wie wohl (Zimmermann, 2004), Modalverben 'sollen' und
'wollen' (Mortelmans, 2000; Schenner, 2010) oder evidenziellen
Satzadverbien wie 'angeblich' oder 'scheinbar' (Müller, 2021)
ausgelöst werden.
Sprecher*innen können sich aber auch im Nachhinein von der bereits
erfolgten Äußerung distanzieren, indem ein Zusatz zur
Re-Kontextualisierung der vorhergehenden Proposition vorgenommen wird.
Das kann mit phrasalen Konstruktionen erfolgen: Äußerungen wie 'Das
habe ich nicht so gemeint' oder 'Das habe ich nicht gesagt' sollen zu
einer Reinterpretation der früheren Äußerung führen und somit das
Commitment des*r Sprechers*in zu dieser Äußerung abschwächen. In
Interaktionen wird die Distanzierung von der eigenen Äußerung als eine
Art Verteidigungsstrategie in Situationen gebraucht, in denen es zur
Gesichtsbedrohung kommt. Aus pragmatischer Sicht wird hierbei eine
frühere Implikatur gestrichen, indem Sprecher*innen abstreiten, dass
diese intendiert war, sie zurückziehen, oder die Äußerung durch eine
Erläuterung neu kontextualisieren (Meibauer, 2022). Möglich ist
außerdem das Abstreiten von Assertionen, indem die Verantwortung für
eine Äußerung durch Ausreden abgeschwächt wird (Boogaart et al., 2021:
223–224).
Distanzierung von Referent*innen und Sprecherhaltungen:
Auf der diskursiven Ebene kann eine soziale Distanzierung von
Referent*innen vorgenommen werden, indem interaktiv Distanz zu
bestimmten Personen, Gruppen oder Ideologien aufgebaut wird. Diese Art
der Distanzierung ist insbesondere im Kontext von Personenreferenz
erforscht worden, beispielsweise durch die Wahl der Anrede
(Kretzenbacher, 2010). Das deutsche Pronominalsystem bietet,
insbesondere im Hinblick auf die T/V-Opposition, Möglichkeiten,
unterschiedliche Grade der sozialen Nähe und Distanz zwischen
Interagierenden auszudrücken und damit Beziehungsaspekte wie
emotionale Distanz und soziale Hierarchien zu markieren. Der Zusatz
von Ruf- oder Familienname sowie Status- und Positionsbezeichnung
können diese Relationen weiter verfeinern.
Während es im ersten Fall darum geht, die Art der sozialen Beziehung
anzuzeigen, kann Distanzierung auch dem Aufzeigen von Individualität
(der eigenen oder der Gruppe, der ein*e Sprecher*in angehört) und der
Kritik an Referent*innen dienen, was häufig mit Ablehnung und Kritik
fremder Haltungen zusammenhängt. Zu der Realisierung der
Distanzierungen von Referent*innen und deren Haltungen tragen etwa
Formen der dritten Person bei, vor allem dann, wenn die Alternative
besteht, Adressat*innen entweder namentlich oder mit einer anderen
Personalform anzusprechen (Maitland & Wilson, 1987; Truan, 2021: 210,
237). Imo und Ziegler (2019: 15–16) zeigen zudem, wie das
Indefinitpronomen 'man' zur Distanzierung von potenziell
problematischen Haltungen eingesetzt werden kann. Auch breiter
gefasste diskursive Praktiken des Widersprechens (Spranz-Fogasy, 1986)
und Bewertens (Hausendorf, 2000: 417) sind in diesem Zusammenhang
diskutiert worden. Gemeinsam ist diesen Distanzierungsmitteln die
Durchführung eines Disalignments, indem die fehlende Übereinstimmung
mit einer Sprecherhaltung ausgedrückt wird (Du Bois, 2007: 144;
Kiesling, 2022: 417). In manchen Fällen kann Distanzierung von und
Kontrastierung mit anderen zu einer Gegenüberstellung von ‚us and
them‘ führen und damit zu einer ideologischen Exklusion und
Marginalisierung bestimmter Gruppen (Wodak, 2008). Sprachliche
Praktiken, die dazu beitragen, sind etwa Stereotypisierung,
Objektifizierung oder negative Evaluation.
Ziel des geplanten Themenhefts ist es, Distanzierung systematisch als
eine sprachliche Strategie im Deutschen zu erfassen und ihre
unterschiedlichen Aspekte und Erscheinungsweisen empirisch
ausarbeiten. Dabei geht es insbesondere darum, die verschiedenen, oben
skizzierten Zugänge, die nicht nur unterschiedlichen sprachlichen
Ebenen, sondern damit einhergehend auch verschiedenen linguistischen
Forschungsbereichen und Frameworks zugeordnet werden können, mit dem
gemeinsamen Blick auf das Phänomen der Distanzierung explizit in
Zusammenhang zu setzen und für das Deutsche als gemeinsamer
Untersuchungssprache zu diskutieren.
Für die Beiträge des Themenhefts sollen daher möglichst
unterschiedliche Phänomene aus verschiedenen sprachlichen Ebenen wie
Morphologie, Syntax, Graphematik, Semantik und Pragmatik und unter
Verwendung unterschiedlicher methodischer Zugänge (beispielsweise
Korpuslinguistik, Gesprächs- und Diskursanalyse) beleuchtet werden, um
das Thema in möglichst großer Breite zu behandeln. Angestrebt wird
eine ausgewogene Verteilung der Beiträge in Bezug auf die Art der
behandelten Phänomene und theoretischen Zugänge.
Call for Papers:
Für das Themenheft laden wir Beiträge ein, die das Thema der
sprachlichen Distanzierung in einer oder mehreren der oben genannten
Dimensionen für das Deutsche behandeln. Abstracts (sowie die späteren
Beiträge) müssen auf Deutsch verfasst sein und nicht länger als 500
Wörter sein (ohne Literaturangaben). Bitte schicken Sie Ihr Abstract
bis zum 08. November 2026 an aleksandra.uttenweiler @ fu-berlin.de und
barbara.schluecker @ fu-berlin.de. Eine Rückmeldung über die Annahme
erhalten Sie bis zum 20. November 2026. Der Termin für die Einreichung
der angenommenen Beiträge ist 15. April 2027; das Themenheft soll Ende
2027 erscheinen.
Referenzen:
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Words, Not Mine!” Defence Strategies for Denying Speaker Commitment.
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Pragmatics
Semantics
Syntax
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